Nach Peggy Pace MA, LMHC, LMFT, Washington, USA: www.lifespanintegration.com

Was ist Lifespan-Integration oder Zeitlinie?

Lifespan-Integration (LI) fördert die neuronale Integration und eine rasche Heilung bei Personen, die ein Trauma und/oder schwerwiegende Vernachlässigung während der Kindheit erfahren haben. LI ist eine psychotherapeutische Technik, welche "Affektbrücke" genannt wird, um dasjenige unverarbeitete Ereignis aufzuspüren, welches die engste Verbindung zum aktuellen Problem des Klienten oder der Klientin aufweist. Das zurückliegende Ereignis wird zunächst unter Verwendung von aktiver Imagination verarbeitet und danach eine "Zeitlinie von Bildern" bis ins aktuelle Alter verwendet, um verdrängte Teile des Ich-Zustandes zu integrieren, welche das traumatische Material festgehalten haben. In der Regel geht die erfolgreiche Verarbeitung dieses vergangenen Ereignisses mit einer Auflösung des gegenwärtigen Problems einher.

 

Beschreibung des LI-Prozesses

LI ist körperorientiert. Der/die Klient/in beginnt mit einem gegenwärtigen Problem und folgt ihrem/seinem Körper-Geist-System zur traumatischen Erinnerung. Sie/er konzentriert sich auf diejenigen körperlichen Empfindungen und Gefühle, die auftreten, wenn das gegenwärtige Problem besprochen oder visualisiert wird. Diese Affekt- oder Gefühlsbrücke führt dann zu der traumatischen Erinnerung. Dabei handelt es sich um jene Erinnerungen, welche sowohl Teile des Ich-Zustandes wie auch dessen Schutzsysteme festhalten und sich auf das gegenwärtige Problem auswirken.

Aktive Imagination wird nun angewendet, um das erwachsene Ich in die vergangene Szene einzubringen. Das gegenwärtige Ich der erwachsenen Person lädt das Ich des traumatisierten Kindes in der erinnerten Szene dazu ein, einen sicheren Ort aufzusuchen, wo sich beide entspannt miteinander unterhalten können. Einmal an diesem sicheren Ort – und unter Anleitung der Beraterin oder des Beraters – führt das erwachsene Ich einen inneren Dialog mit dem kindlichen Ich unter Einbringung von aktuellen Informationen, Trost, Sicherheit, Anerkennung oder was auch immer benötigt wird, um die vergangene Situation aufzuarbeiten. Nachdem sämtliche altersgemässen Interventionen mit dem Kind der Vergangenheit durchgeführt wurden, erklärt das erwachsene Ich dem jüngeren Ich, dass das Trauma vorbei ist. Es sagt dem Kind, dass es ihm mit Bildern beweisen werde, dass inzwischen viel Zeit vergangen ist, dass sich das Kind zum Erwachsenen entwickelt hat und jetzt ein Teil dessen ist. Es fordert das Kind auf, die Bilder anzuschauen, die ihm die Geschichte seines Lebens zeigen und wie es erwachsen geworden ist. Der/die Berater/in führt dann die Klientin oder den Klienten durch eine Zeitlinie von Erinnerungen und Bildern ihres Lebens. Dieses gesamte Verfahren wird solange wiederholt bis der kindliche Ich-Zustand integriert ist. In der Regel braucht es mehrere Wiederholungen.

 

Wirkungen der Lifespan-Integration

Durch LI gewinnt man Einsicht in lebenslange Verhaltensmuster, welche sich durch das Trauma entwickelt haben. Es macht vergessene Erinnerungen bewusst, welche spontan auftauchen. Jede auf diese Art und Weise auftauchende Erinnerung hat eine Beziehung zum gegenwärtigen emotionalen Thema oder Problem. Sobald klar wird, wie frühere Schutzmechanismen Eingang in Reaktionen, Entscheidungen und Fehlverhalten gefunden haben, ist man in der Lage, überholte Verteidigungsmuster aufzugeben.

LI verbindet das implizite mit dem expliziten Gedächtnis, wodurch Ängste reduziert werden.

Durch die anfängliche Fokussierung auf Empfindungen und Gefühle im Körper kann eine Verarbeitung im neuronalen Netzwerk stattfinden. Der LI-Prozess scheint das Gehirn bei der Neuerstellung von synaptischen Verbindungen zwischen implizitem Gedächtnis und den tatsächlichen zurückliegenden Ereignissen, aus denen die impliziten Erinnerungen herrühren, zu unterstützen. Während dieses Prozesses ist man in der Lage, bisher unverstandene körperliche Zustände und/oder Gefühlszustände zu integrieren. Nachdem man diese Verbindungen während des LI-Prozesses hergestellt hat, erfährt man eine sofortige und wesentliche Reduktion des Angstniveaus. Diese Veränderung des Angstniveaus bleibt stabil, d.h. frühere chronische Angstzustände lösen sich auf.

Das LI-Protokoll fördert ausserdem nachträglich die Bedingungen, die sich als wichtig für die optimale neuronale Integration bei Säuglingen und Kindern erwiesen haben. Dazu gehören:

  • eine gegenseitige und abgestimmte Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind-(Ich)
  • eine solide Verbindung zwischen Körper und Emotion
  • ein geistiger Austausch von Energie und Information zwischen dem Erwachsenen und dem Kind-(Ich)
  • Herstellung einer gemeinsamen Realität von Erwachsenem und Kind-(Ich) durch autobiographische Geschichten (Zeitlinie).
  • durch Wiederholungen der "Zeitlinie" von Erinnerungen und Bildern wird die Fähigkeit entwickelt, sich als "ein" zusammenhängendes Selbst mit einer kontinuierlichen räumlichen und zeitlichen Existenz wahrzunehmen

Infolge der Ergebnisse, die Peggy Pace beobachtet hat, vermutet sie, dass LI die neuronale Integration zwischen beiden Hirnhälften sowie zwischen sub-kortikalen und kortikalen Regionen fördert, was durch neuste Ergebnisse aus der Gehirnforschung* unterstützt wird.

 *U.a. Daniel J. Siegel, Allan N. Schore, Louis Cozolino, und Joseph LeDoux. Für eine genauere Erklärung der Hypothese wie LI zur neuralen Integration beiträgt, siehe Kapitel 2 im Buch, Lifespan Integration: Connecting Ego States through Time.

 

Anwendungsgebiete der Lifespan-Integration

Modifizierte Versionen des LI-Protokolls können bei der Behandlung vieler psychischer Störungen angewendet werden, die auf ungenügender neuronaler Integration basieren. Solche Störungen sind u.a. Anorexie, Bulimie, Angststörungen sowie Schwierigkeiten mit einem angemessen Umgang mit Gefühlen. Eine modifizierte Version des LI-Protokolls kann auch für die Integration von dissoziierten Ich-Zuständen bei Personen mit dissoziativer Identitätsstörung angewendet werden.

LI eignet sich auch sehr gut zur Aufarbeitung eines Geburts-Traumas (Atemtherapie).

 

Klienten und Klientinnen, die LI abgeschlossen haben, berichten über:

  • das neu empfundene Gefühl eines befähigten, liebenswerten und stabilen Selbst
  • die Fähigkeit, frühere Schutzmechanismen loszulassen
  • eine erhöhte Fähigkeit, das Leben und intime Beziehungen zu geniessen
  • eine bedeutend bessere Fähigkeit, Gefühle zu regulieren
  • ein erweitertes emotionales Repertoire
  • einen sichereren Bindungsstil.

 

Literatur

Dilling, H., Freyberger, H.J. (2012). Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychische Störungen. Bern: Huber.
Hüther, G. (2009). Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Keleman, St. (1995). Verkörperte Gefühle. München: Kösel Verlag.
LaPierre, A., Heller, L. (2013). Entwicklungstrauma heilen. München: Kösel Verlag.
Levine, P.A. (1998). Trauma-Heilung. Essen: Synthesis.
Ruppert, F. (2011). Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Pace, P. (2007). Lifespan Integration. Connecting Ego States through time. ISBN: 0-9760603-4-5